Vor dem Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft am 1. Januar 1973 war es egal, mit wem sie sich unterhielten: Den Engländern selbst war es egal, sie würden dann die die Ersten sein in der späteren Europäischen Union sein. Sie würden die Nummer Eins sein.

1972 war Grossbritanien in einem elenden Zustand: Inflation stieg auf zehn Prozent, Arbeitslosigkeit, die unaufhörlich weiter stiegt bis Mitte der 70er Jahre auf mehr als 20 Prozent. Streiks die den Alltag bestimmten: 1972 gingen 24 Millionen Arbeitstage durch Streiks verloren. Vor allem hatte das Auswirkungen auf die Energieversorgung mit Kohlekraftwerken, die ja komplett von den Bergarbeitern abhing. 1972 wurden von 174 Kraftwerken 120 mit Kohle betrieben. Dem gegenüber standen aber nur noch 40 Prozent der notwendigen Kohlekapazität zur Verfügung: Es gab nur noch an drei Tagen Strom, das Fernsehen wurde, um Energie zu sparen, um 22:30 Uhr ausgeschaltet. Selbst das Brot wurde knapp.

Wenn schon die Politik die Realität nicht sehen wollten aber träumten, in der EWG, in die sie bald eintraten, die Nummer 1, also die maßgebliche Macht zu werden, sollte man bei den betroffenen Arbeitern und Unternehmern auf mehr Vernunft hoffen. Aber Leute des Dachverbandes der britischen Gewerkschaften hatten nur eine Botschaft: „We will be number one.“

Das war vor dem Eintritt in die Wirtschaftsunion 1973.

Kommt der Brexit?

Bis zum heutigen Tag hat nie wieder ein Mitglied der EU in einem solchen Chaos gelebt wie Großbritannien in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Margaret Thatcher, die erste britische Premieminsterin, war keine Freundin Europas, aber pragmatisch genug, für ihr Land viel herauszuschlagen, ohne ein solches Durcheinander zu produzieren, wie ihre konservativen Nachfolger David Cameron und Theresa May es geschafft haben.  Der Sieg der Linken über den gemäßigten Flügel der Labour Party endete in einer Niederlage, gegen die zu den Konservativen zählende Margaret Thatcher.

Umfragen heute in Großbritannien sehen trotz des Durcheinanders von Theresa May bei einer Unterhauswahl die Konservativen nicht abgehakt – oder wollten Sie unter einem Premier Minister Corbyn leben wollen? Das sich wiederholende Elend der Linken ist auch in den siebziger Jahren eingetreten: Sie scharren hinter einen Führer, der möglichst die staatsfördernde Lehre vor sich herträgt, und damit den Wahlsieg der Torries erst ermöglicht.

Auch Boris Johnson ist einer der den Brexit scheinbar eben auch unter no-Deal Bedingungen durchziehen würde, Jeremy Hunt ist zumindest ein Befürworter des Brexits – ob es eine gute Lösung war, die Briten einmal und vielleicht sogar ein zweites Mal abstimmen zu lassen, sei dahin gestellt. Das die beiden nichts mit dem gemeinen Volk zu tun haben ist klar: Alle 10 zum nach May angetretenen Torrries sind auch ein Beweis dafür, dass Bildung nicht immer kluge Menschen hervorbringt, denn sehr gebildet und mehrsprachlich waren und sind sie alle. Sie sind trotzdem nur auf ihren Vorteil bedachte Nationalisten. Tatsache ist, solange sie Mitglied in der EWG und dann in der EU waren, traten sie als Bremser auf, wussten nie so recht, was sie in einem Staatenbund zu suchen hatten, in dem sie nicht den Ton angeben. Oder wie es der Daily Mirror, ein rechtsstehendes Blatt, beschrieb: „England ist immer noch das beste Land, in dem es sich zu leben lohnt und wird es auch immer bleiben.“

Das älteste Parlament ringt um den richtigen Ausweg

Das akute Durcheinander in Großbritannien liegt auch am britischen Wahlrecht, das kleine und regionale Parteien stark benachteiligt. Zwar gehörten die britischen Nationalisten, egal ob sie Mitglieder der Konservativen waren (wie Boris Johnson, der mit lauter falschen Zahlen die Wähler belog) oder sich als Anhänger der UKIP, der Partei der Unabhängigkeit profilierten, der „Upper Class“ an, doch gewählt wurden sie von den Wählern der Labour Party in der Provinz. Das ist das eigentliche Paradoxon dieser Situation: Die große Mehrheit der Labour-Abgeordneten waren für den Verbleib in der EU, nicht aber ihre Wähler in den Wahlkreisen.

Unabhängig von der Frage, wie die britische Politik durch dieses „Austrittsspektakel“ aus der EU die Parteienlandschaft verändern wird, erleben wir wahrscheinlich gerade den Anfang vom Ende von Großbritannien. Die oft als Vorbild parlamentarischer Tradition gepriesene Demokratie zerlegt sich gerade, und verliert scheinbar ihre wohl schon lange ausgehöhlte Legitimation. Wer die Unterhausdebatten in den letzten Monaten verfolgte, konnte oft hören, dass sich vor allem Theresa May immer auf den demokratischen Auftrag der Abstimmung 2016 berief, wenn sie ihr Brexit meint auch Brexit verteidigte. Das aber die Nordiren und die Schotten tatsächlich pro-EU stimmten, wird von den meisten Mitgliedern leider oft übersehen.

Exit?

Im Augenblick haben wir wohl die Ruhe nach der schlussendlichen Frage ob Brexit Ja oder Brexit Nein. Ich persönlich glaube, das wir – wenn man das Chaos bei den Briten einmal genauer betrachtet – eine neue und gestärkte EU Regelung benötigen, die sich auf die wichtigsten Länder der Kern-EU bezieht: Dabei werden Frankreich und Deutschland, Niederländer, Belgier, Spanien und Portugal und wohl auch die wachgerüttelten Italiener neue Dinge angehen, wie eine gemeinsame Aussenpolitik, eine Europäische Armee, eine entsprechende Finanzpoliktik.